Das Alter bringt viele Nachteile mit sich, meist gesundheitlicher Art. Aber auch manchen Vorteil. Vor allem den Vorteil, dass man seine Umwelt über viele Jahrzehnte hindurch in all ihren Moden, Trends und vielfältigen Ausprägungen hat beobachten und miterleben können. Das betrifft auch die Sprache, die wir täglich sprechen.
Da gibt es vor allem zwei Dinge, die auffallen: Erstens werden altbekannte Begriffe mit einem völlig anderen Inhalt gefüllt. Bestes Beispiel: „Geil!“. Dieses Wort hätte ich in meiner Jugend – und auch später- nie in den Mund genommen. Es stand in der unsagbaren Tiefe der sexuellen Unsagbarkeiten und bezeichnete das Hormonleben eines sexuell derart getriggerten Menschen, der nichts anderes mehr denken und fühlen konnte, als unmittelbar und in voller Intensität der Hormone seinem aufs Äußerste getriggerten Geschlechtstrieb freien Lauf zu lassen. Niemand sagte so etwas öffentlich. Wie man überhaupt früher mit all diesen geschlechtlichen Dingen sprachlich kaum oder besser gar nicht umging. Frauen gingen zum Frauenarzt, weil irgendwas „untenrum“ bei ihnen zu kurieren war. Da fragte dann auch niemand nach, um Genaueres zu erfahren. Höchstens Mediziner untereinander und auch nur aus beruflichem Interesse.
Dann wurde „geil“ nach und nach zum Jugendwort, anfangs noch total provozierend gemeint, weil alle sofort die Ohren spitzten und man damit Aufmerksamkeit erweckte. Langsam ging aber auch die ursprüngliche Bedeutung verloren und heute ist „geil“ so inhaltlich verflacht und verbogen, dass man stattdessen genauso gut „toll“ oder „hundertprozentig“ oder „sagenhaft“ sagen könnte. Nur leider, und damit bin ich schon bei Teil II der sprachlichen Vernachlässigungen und Verdrehungen, gerät die ungeheure Vielzahl der deutschen Adverben und Adjektive scheinbar immer mehr in Vergessenheit. Wenn man denn überhaupt noch in der Schule lernt, was Adverbien und Adjektive überhaupt sind. Vielleicht erst auf der Journalistenschule, obwohl auch da…
Als Musikfreund und aktiver Musiker kann ich das gut mit den Dynamikbezeichnungen in den Notenblättern der musikalischen Werke vergleichen. Man könnte auch einfach statt „Dynamik“ „Lautstärke“ sagen. Die hat eine große Bandbreite in der Musik: vom dreifachen Piano-Pianissimo („ppp„) bis zum dreifachen Forte-Fortissimo („fff„)! Also von kaum hörbar bis kurz vor dem Knalltrauma! Und für Dirigenten ist es ungeheuer anstrengend, ein Orchester in dieser Bandbreite der Dynamik zu halten. Mein Posaunenchor kennt eher nur „laut“ (f) oder „leise“ (p) und wenn man ihn nicht korrigiert, dann spielt er durchgängig forte („f„), also laut.
Und so ist es auch in der Umgangssprache geworden heute. Die Feinheiten sind verschwunden. Die sprachliche Dynamik ist reduziert auf „super“ und vielleicht noch als Steigerung: „mega“ . Übrigens beides keine deutschen Wörter. Latein- und Griechischlehrer (heute sagt man politisch korrekt „Lehrkräfte“ und meint damit auch die Kraftlosen unter den Lehrern….) werden sich freuen, dass ihre alten (und wichtigen!) Sprachen wieder zur Geltung kommen. Aber alle, die so „super“ und „mega“ „drauf sind“, werden das vermutlich gar nicht wissen.
Wenn aber alles nur noch „mega“ oder „geil“ ist, dann haben wir nur noch „forte“ , also alles in Einheitslautstärke und ohne Nuancen, Differenzierungen und Steigerungsmöglichkeiten. Die Sprache wird flach und irgendwie damit zugleich auch ein Teil des Lebens.
Dafür gibt es aber auch neue Sitten beim Sprechen. Wo man früher in freier Rede öfters mal ein „äähh“ einschob, weil der inhaltlich-aussagekräftige verbal zu fassende Gedanke noch nicht ausgeformt war. „Genau“ – das meinte früher die Fleischereifachverkäuferin beim Wurstabwiegen, wenn der Kunde ihr „Bitte 220 Gramm von der Mettwurst“ vorgegeben hatte und sie die Scheiben auf die Waage legte. „Genau“ ist auch eher im Bereich der MINT-Fächer zu verorten, wo man um Millimeter, Mikroampere oder Megawatt Sorge trägt und Werte definiert. Wenn ich aber nur sage: „Meine Oma hat heute Geburtstag. Genau!“ – dann ist das einfach nur Quatsch, ein Lückenfüller, weil mir gerade nichts Besseres einfällt und weil inzwischen alle Welt das genauso macht. Man übernimmt halt nicht nicht nur sinnvolle Dinge seiner Umwelt, sondern oft auch den letzten Mist. Hauptsache, man liegt im Trend und nicht daneben. Man könnte ja dumm auffallen, und das gilt es zu vermeiden. Komme, was wollte, ob sinnvoll oder meist eben auch nicht.
Merke also: Wenn alles nur noch „geil„, „super“ oder „mega“ ist (wo ist da eigentlich der Unterschied?), dann verflacht die Sprache der Denker und Dichter ziemlich schnell. Genau!
